Vielleicht hat dieser oder jener vor längerer Zeit im Fernsehen den Film

“Die Schwabenkinder” gesehen.

Es gibt auch das gleichnamigen Buch dazu, das gerade wieder neu bei Berthelsmann erschienen ist. Das Buch hat allerdings nur im Grundgedanken mit dem Film zu tun. Es ist umfassender und geht tief hinein in die Thematik.

Eine Thematik, die allgemein wenig bekannt ist, von der man auch (soweit ich mich erinnere) nichts im Geschichtsunterricht gehört hat. Deshalb, und um das Buch besser verstehen zu können, möchte ich hier ein wenig auf die geschichtlichen Hintergründe eingehen.

Sie sind es, die dieses Buch in meinen Augen zu etwas besonderem machen. Besonders unsere Kinder heute und Jugendlichen werden kaum in der Lage sein, sich in eine solche Situation hinein zu versetzten, sich überhaupt vorstellen zu können, wie ein solches Leben aussah.
Wann genau diese Kindermärkte begannen, läßt sich heute nicht mehr mit Sicherheit feststellen. (Berichte gibt es ab 1625) Aber über Jahrhunderte hinweg bis 1921 gab es das sogenannte “Schwabengehen”

In jedem Jahr zu Ende März zogen Kinder aus den Bergtälern Tirols, Voralrlsbergs und aus der Schweiz ins Allgäu und ins Schwäbische, wo sie sich als Saisonarbeiter verdingten.

Zu Hause herrschte bittere Armut in den meist sehr kinderreichen Familien.

Das damalige Erbrecht sah so aus, dass ein Hof unter den verbleibenden Geschwistern aufgeteilt wurde. Das hatte natürlich zur Folge, dass die Anwesen immer kleiner und kleiner wurden und ihre Besitzer nicht mehr ernähren konnten. Kam dann zu der allgemeinen Armut noch Ernteschaden dazu, oder von der geringen Anzahl Kühe starb noch eine, dann war ein Überleben für eine gesamte Familie kaum noch möglich. Die Kinder hatten weder satt zu essen noch nur annähernd genug, gingen buchstäblich in Lumpen und auch im Winter nicht selten ohne festes Schuhwerk.
Für solche Familien bestand oft keine andere Möglichkeit als eines oder mehrere ihrer Kinder zu den Schwaben zu schicken, wo sie in vielen Fällen das erste Mal in ihrem Leben satt zu essen hatten und auch einen geringen Lohn mit nach Hause brachten, wenn sie im Herbst wieder heim kamen, vielleicht auch Schuhe und Kleidung.

Die Kinder mußten arbeiten wie die Erwachsenen, manche hatten Glück mit dem Bauern, der sie auf dem Kindermarkt kaufte, andere aber gerieten auch Schindern in die Hände.
Solche Märkte fanden in Ravensburg, in Friedrichshafen im Württembergischen, im badischen Pfullendorf, in Überlingen am Bodensee, in Kempten im Allgäu u.a.m. statt.
Der größte war wohl in Ravensburg.

Im ersten Drittel des 19.Jahrh. wird die Zahl der Schwabengänger auf jährlich 4000 bis 5200 angegeben.

Zwar gab es auch in Württemberg genug Armut, aber die eigenen Kinder unterlagen der Schulpflicht(seit 1836), die es für die “Ausländerkinder” nicht gab, so dass diese den ganzen Sommer über auf den Höfen arbeiten konnten. Außerdem heißt es, die ausländischen Kinder seien ....”fleißiger, geschickter und zuthunlicher....”

1844 schrieb der württembergische Dichter Karl Theodor Griesinger von einem sogenannten “Sklavenmarkt”, aber ganz so ist das nicht zu bewerten. Viele Kinder freuten sich sogar darauf, wieder ins Schwabenland zu ziehen, weil die Not zu Hause einfach zu groß war. Sie nahmen die Strapazen der Fußwanderung gern auf sich .

Erst um 1880 wurde die Möglichkeit geschaffen, dass die Kinder mit Fuhrwerken oder dann ab 1884 mit der neu eröffneten Arlbergbahn fahren konnten.

Durch Veröffentlichungen ausländischer Zeitungen insbes. Amerika, wurden diese Kindermärkte zu einem internationalen Politikum.

Der Erste Weltkrieg brachte bereits durchgreifende Veränderungen, aber erst mit dem Abkommen zwischen Österreich und Württemberg 1921 , dass auch die österreichischen Kinder in Württemb. der Schulpflicht unterstellt wurden, kam es zu einem Ende des Schwabengehens im großen Stil, weil es für die Bauern keinen wirtschaftlichen Anreiz mehr gab.

Und hier das Buch

Schwabenkinder

Es ist die Geschichte des Kaspanaze Meser.

Er lebt zusammen mit seinen Eltern, dem Großvater und seiner Schwester auf einem kleinen Gehöft im Bregenzerwald. So recht und schlecht kommt die Familie über die Runden....

bis ein Kuh verkalbt und das einzige Schwein, das zum Verkauf gedacht war, notgeschlachtet werden muß. Ein 3. Kind ist auch unterwegs. Die Familie gerät in kürzester Zeit in noch größere Not und sieht keinen anderen Ausweg, als den, Kaspanaze zu den Schwaben zu schicken.

Der Junge ist 9 Jahre alt, als er ebenfalls am Zug der Schwabenkinder teilnimmt.

Zitat........”Langsam setzte sich der armselige Haufen in Bewegung, gestandene Mannsbilder wischten sich übers Gesicht und taten so, als ob ihnen etwas ins Auge geflogen sei, Mütter verabschiedeten sich mit verheulten Gesichtern von ihren Kindern, Geschwister von ihren Brüdern und Schwestern.

Am schlimmsten aber nahm es ein vielleicht fünf bis 6 Jahre altes Mädchen mit.

Kaum hatte sie ihr wohl ein gutes Jahr älterer Bruder unter gutem Zureden ein paar Meter fort gelockt, drehte sie sich wieder um und rannte mit Hilfe suchend ausgebreiteten Armen zur Mutter zurück, vergrub den Kopf in ihrem Schoß und klammerte die kleinen Finger fest in den Faltenwurf der Arbeitsjuppe.”
...... Zitat Ende.

Ich finde, diese Szene allein reicht schon aus, dass einem die Grausamkeit des Ganzen vor Augen geführt wird.
Die Kinder ziehen über die verschneiten Gebirgsketten, bekommen unterwegs von einer ihnen wohlgesinnten Gastwirtin ein warme Suppe, kehren in einem Kloster ein um ein wenig Essen und Wasser.
Aber alle kommen lebend in Ravensburg auf dem Markt an, Kaspanaze ist schwer erkältet und schwach.... er ist der letzte, der noch zum Verkauf steht,als ein Bauer erscheint, der um den Preis feilscht und den Jungen dann nimmt.
Kaspanaze hat es schlecht getroffen, sehr schlecht sogar. Sein Bauer ist grausam. Der Junge schwere Schläge und gerade so viel zu essen, dass er nicht verhungert.
Er muß sehr schwer arbeiten, wird obendrein “von oben herab” behandelt und muß über dem Kuhstall im Stroh schlafen. Nur der am Hof arbeitende Knecht meint es gut mit ihm und schindet auch ab und zu ein zusätzliche Schnitte trockenes Brot für ihn heraus.Kapspanaze wird von Heimweh geschüttelt ,...... aber er weint niemals vor dem Bauern.

Bei all dem hat er aber auch Glück. Da ist ein amerikanischer Journalist ,der sich so gut es eben geht um ihn kümmert, ihn regelmäßig ( alle 2 Wochen sonntags nach der Kirche )abholt und ihm einen schönen Tag bereitet.
Im Dorf sind noch andere “Tirolerbüble”, wie sie hier nun genannt werden , auch aus seinem Heimatdorf.
Diese Treffen sind der einzige Lichtblick in Kapanazes Dasein... bis er es nicht mehr aushält und von dem Bauern flieht....
Er rennt, und rennt und rennt... eine ganze Nacht durch....
und er schafft es. Als er zu einem Hof kommt, weiß er nicht, wo er ist, bittet um ein wenig Essen und die Bauersfrau erbarmt sich über die Bündel Elend.

Er kann dort bleiben. Zwar muß er auch dort hart arbeiten, hat es aber ansonsten gut und hat sogar eine kleine Kammer und ein Bett, in dem er schlafen kann.
Mit seinen sehr mangelhaften Schreibfähigkeiten schreibt er eine Nachricht an den Journalisten, der inzwischen schon in Sorge um ihn ist, und der den Kampf mit dem “Saubauern” aufnimmt, um Kaspanazes Papiere zu bekommen, die der Junge ja für die neue Stelle braucht.
Und im Herbst geht es dann wieder nach Hause. Alle Kinder versammeln sich und ihr Führer ist auch pünktlich zur Stelle. Die Stimmung auf dem Heimweg ist eine andere. Die Kinder freuen sich, und sie sehen besser aus... nicht so hungrig und mager wie im Frühling.Wieder geht es über die verschneite Bergkette,der Weg ist trostlos, beschwerlich und gefährlich... aber es geht heim. Kaspanaze freut sich auch auf sein neues Geschwisterchen, von dem er noch nicht einmal weiß, ob es eine Schwester oder ein Bruder ist.
Kurz vor dem Heimatdorf, knapp einer Lawine entkommen....
endet das Buch.


Es ist ein Buch, das ich jedem empfehlen möchte.

Es ist flüssig geschrieben, am Ende jeder Seite steht ungedruckt die Frage... “Wie geht es weiter mit Kaspanaze?”

Ohne Pathos und Übertreibungen wird über das traurige Leben eines Kindes geschrieben, das sich trotz allem freuen kann und das Glück empfinden kann.

 

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