Der Mythos von Mittelerde

Der "Herr der Ringe" - für viele mehr als nur ein Buch

Nun ist es entschieden: "Der Herr der Ringe" ist das Lieblingsbuch der Deutschen. Weit vor der klassischen Literatur, hat es auch Harry Potter auf Platz 9 hinter sich gelassen. Was ist das Geheimnis an diesem Buch, das so viele Leser weltweit und jeden Alters bezaubert?
von Axel Zimmermann, 04.10.2004 (Quelle: ZDF.de)

 


Der Mythos um Hobbits, Elben und dunkle Mächte setzt Maßstäbe. Und das nicht erst, seit Peter Jacksons Verfilmung des "Herr der Ringe" am 19. Dezember 2001 Premiere feierte. Die Superlative um die bis dahin mit dem größten Budget aller Zeiten ausgestattete Filmproduktion ist uns allen noch sehr gut im Gedächtnis. Aber nicht nur Regisseur Peter Jackson und sein Team stießen in neue Sphären des Aufwändigen und Gewaltigen vor. Die Reaktion der Fans ging beim Film ebenso wie Jahre zuvor beim Buch weit über das Normale hinaus.

 

Wegbereiter eines Genres

Als der "Herr der Ringe" Anfang der 1980er Jahre zur Standardliteratur fast jeden Teenagers in Deutschland gehörte, trieb er mehr nach vorn, als nur die Umsatzzahlen des Verlags Klett Cotta. Fantasyliteratur - bis dahin hier zu Lande als Genre so unbekannt, dass man sie nicht einmal in den "Nebeln von Avalon" vermutet, geschweige denn gesucht hätte - avancierte zum Kassenschlager. Klett-Cotta, mit Tolkiens Trilogie zum verlegerischen Vorreiter der Fantasyliteratur in Deutschland geworden, gab dem Genre im Verlagsprogramm eine Marke, die viele Tolkien-Fans über die Grenzen von Mittelerde hinausschauen ließ: die "Hobbitpresse". Doch Tolkien-Fans sind treue Fans, die mit mindestens ebenso viel Interesse wie Argwohn alles verfolgen, was nur in die Nähe der Werke des Professors aus Oxford kommt. Und so kehrten die Puristen unter ihnen der "anderen Fantasy" bald den Rücken, um wieder zwischen Elben, Zwergen und Orks zu sein. Dennoch: Es war ein Volk aus Mittelerde, das dem Verlagsprogramm den Namen gab. Tolkien: der Pate der Fantasy - zumindest in Deutschland.

Fans fühlten sich wie begeisterte Hobbits

Die Erzählungen um Mittelerde gehen mit dem "Kleinen Hobbit", den "Anhängen" zum "Herrn der Ringe", dem "Silmarillion" und den "Nachrichten aus Mittelerde" weit über den "Herrn der Ringe" hinaus. Doch der Hunger der Fans wollte und bekam noch mehr: Atlanten, Bildbände, Wörterbücher, Kalender - die gedruckte "Herr der Ringe"-Welt fand reißenden Absatz und die Fans fühlten sich wie begeisterte Hobbits im Gasthaus zum tänzelnden Pony in Bree ... Lesen und anschauen war und ist bis heute vielen Fans nicht genug. Sie wollen am liebsten im Mittelerde leben. Mit am nächsten kommen sie diesem Traum in Rollenspielen, in denen sich ganz harte Fans schon mal für ein komplettes Wochenende aus unserer normalen Welt verabschieden. - Stilecht in "Herr der Ringe"-Kostümen reden sie sich nicht nur konsequent mit ihren Spiel-Namen an, sondern verschmelzen geradezu für eine gewisse Zeit mit der Figur, in deren Rolle sie geschlüpft sind.

 

Herr der Ringe

reuters
Legolas, Gandalf und Aragorn in "Der Herr der Ringe" - Teil 3

 

Leben in Mittelerde

Mit Peter Jacksons "Herr der Ringe"-Verfilmung hat der boomende Merchandising-Markt dann auch für alte und neue Fans eine nahezu unüberschaubare Flut an "Ausrüstungsgegenständen" hervorgebracht. Und so tummelten sich nicht nur zur Filmpremiere im Neuseeländischen Wellington "hunderte verkleidete Hobby-Hobbits" wie der "Spiegel" schrieb, sondern auch in Deutschland strömten Elben, Hobbits, Zauberer und Orks in die Kinos. Warum alte und neue Fans trotz 20 Jahren zwischen Buch-Hype und Film-Hype so einmütig und gut zusammenpassen, war für die "Welt" zum Kinostart 2001 ganz einfach erklärt: "Ein hoher Ernst vor dem Monumentalwerk aus Mittelerde spricht aus beinahe jeder Zeile des Drehbuchs. Er ist wahrscheinlich zumindest zum Teil der schieren Angst geschuldet. Schließlich wachen die 'Tolkienisten' noch wahnsinniger über das Werk ihres Hausheiligen als 'Donaldisten' und 'Potteristen' zusammen. Und gegen die Fantasie von 100 Millionen Buchbesitzern lässt sich nun mal schlecht aninszenieren."

Sagenhafte Superlative

So wie Tolkien nicht nur als Autor ein Buch schrieb, sondern gleich eine ganze Sagenwelt schuf, so sind auch die Fans des Herrn der Ringe nicht einfach nur Leser oder Kinobesucher. Sie sind Gefangene im Mythos von Mittelerde. Auch wenn das im Ringgedicht nicht unbedingt so gemeint war: "Ein Ring sie zu knechten, sie alle zu finden, ins Dunkel zu treiben und ewig zu binden ..."

 

Joomla templates by a4joomla